Übersichtsarbeit: Noch kein lokal angewendetes Medikament erreicht die Standardtherapie bei chemotherapiebedingtem Hörverlust im Kindesalter
Eine neue systematische Übersichtsarbeit, die 78 Studien umfasst, kommt zu dem Schluss, dass bislang keine lokal verabreichte Alternative an Natriumthiosulfat heranreicht – das einzige systemisch wirkende Mittel, das zum Schutz des Gehörs von Kindern während einer Cisplatin-Chemotherapie zugelassen ist.
Cisplatin gehört nach wie vor zu den wirksamsten Chemotherapeutika in der Kinderonkologie. Es zählt aber auch zu den Medikamenten, die das Gehör von Kindern am stärksten schädigen: Bei einem großen Teil der behandelten Patienten tritt eine Innenohrschwerhörigkeit auf, die sich, einmal entstanden, nur selten zurückbildet.
Für Familien, die mit einer Krebsdiagnose zurechtkommen müssen, kann diese Abwägung hart sein: eine Behandlung, die Leben rettet, aber unbemerkt ein Stück Kommunikation, schulischer Leistung und sozialer Entwicklung mitnimmt. Eine neue systematische Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Drug delivery beleuchtet, wo die Forschung beim Schutz kindlicher Ohren während der Chemotherapie steht – mit Schwerpunkt auf lokaler statt systemischer Wirkstoffgabe.
Über diese Studie
Titel: Local application of otoprotective compounds other than sodium thiosulfate to prevent cisplatin-induced hearing loss: a systematic review.
Autoren: Masroor A, Streefkerk N, Van Grotel M, Geller JI, Ansari M, Bouffet E, Bleyer A, Fresneau B, Sullivan M, Knight K, Kogner P, Maibach R, O'Neill AF, Papadakis V, Rajput KM, Brock PR, Veal GJ, Hoetink AE, Huitema ADR, Van Den Heuvel-Eibrink MM.
Institutionen: Princess Maxima Center for Pediatric Oncology, Utrecht; Rady Children's Hospital and University of California San Diego; University of Geneva and University Geneva Hospitals; Hospital for Sick Children, University of Toronto; Knight Cancer Institute, Oregon Health and Science University; Gustave Roussy and University Paris Saclay; Royal Children's Hospital, Melbourne; Karolinska Institutet; Great Ormond Street Hospital for Children NHS Foundation Trust; Newcastle University Centre for Cancer; University Medical Center Utrecht; Netherlands Cancer Institute sowie weitere beteiligte Zentren.
Fachzeitschrift: Drug delivery, 2026; Band 33, Ausgabe 1, Artikel 2665892. Online veröffentlicht am 1. Mai 2026.
Studientyp: Systematische Übersichtsarbeit der präklinischen und klinischen Literatur.
Hintergrund: Warum die Forschenden das untersucht haben
Cisplatin ist ein platinbasiertes Chemotherapeutikum, das bei verschiedenen Krebserkrankungen im Kindesalter eingesetzt wird, darunter Neuroblastom, Hepatoblastom und bestimmte Hirntumoren. Der Wirkstoff reichert sich im Innenohr an und schädigt dort die äußeren Haarzellen – die Strukturen, die Schallschwingungen in Nervensignale umwandeln, die das Gehirn als Hören interpretiert. Die Folge ist eine Innenohrschwerhörigkeit, die meist bei den höchsten Frequenzen beginnt und mit steigender kumulativer Cisplatin-Dosis bis in den Sprachbereich vordringt.
Natriumthiosulfat, oft als STS abgekürzt, ist derzeit das einzige zugelassene otoprotektive (gehörschützende) Mittel für Kinder, die Cisplatin erhalten. STS wird systemisch verabreicht, das heißt, es zirkuliert während oder nach der Chemotherapie im ganzen Körper. Diese systemische Gabe ist zwar wirksam, hat aber praktische und biologische Grenzen – etwa die Sorge, dass STS bei manchen Tumorarten die krebsbekämpfende Wirkung von Cisplatin abschwächen könnte, sowie den logistischen Aufwand, die Infusionen zeitlich auf die Chemotherapie abzustimmen.
Die Autoren dieser Übersichtsarbeit wollten wissen, ob lokal verabreichte Medikamente, die im oder am Ohr statt im ganzen Körper wirken, diese Lücke schließen könnten. Eine lokale Gabe könnte theoretisch das Gehör schützen, ohne mit der Krebsbehandlung im übrigen Körper in Wechselwirkung zu treten.
So wurde die Studie durchgeführt
Das Team führte eine systematische Übersichtsarbeit der präklinischen und klinischen Literatur zu lokal verabreichten otoprotektiven Wirkstoffen außer STS durch. Es fand 70 präklinische und 8 klinische Studien. Die präklinischen Arbeiten umfassten 45 verschiedene Wirkstoffe in Tier- und Gewebemodellen. Die klinischen Arbeiten betrafen die wenigen Wirkstoffe, die es bis in Studien mit menschlichen Patienten geschafft haben.
Die Forschenden ordneten die Kandidaten nach ihrem vermuteten Wirkmechanismus: entzündungshemmende Wirkstoffe, chemische Deaktivatoren, die Cisplatin direkt binden, Calciumblocker, Biologika sowie eine Sammelkategorie für Substanzen, die sich nicht eindeutig zuordnen ließen. Außerdem erfassten sie die getesteten Verabreichungswege – von der intratympanalen Injektion durch das Trommelfell bis hin zu wirkstofffreisetzenden Implantaten im Mittelohr.
Untersucht wurden die Veränderung der Hörschwellen vor und nach der Chemotherapie, das Sicherheitsprofil jedes Wirkstoffs und die praktische Umsetzbarkeit der Gabe im klinischen Alltag bei Kindern.
Was die Forschenden herausgefunden haben
Unter den 45 präklinischen Wirkstoffen erwiesen sich zwei Substanzen wiederholt als so wirksam, dass sie weiterverfolgt wurden: Dexamethason, ein Steroid, das seit Langem in der Ohrenheilkunde eingesetzt wird, und N-Acetylcystein, ein Antioxidans, das Ärzten vor allem als Gegenmittel bei Paracetamolvergiftung bekannt ist. Beide wurden bereits an menschlichen Patienten getestet.
Dexamethason wurde in drei randomisierten kontrollierten Studien und drei nicht randomisierten klinischen Studien untersucht. Zwei der Studien zeigten einen statistisch signifikanten Nutzen, doch der Schutzeffekt war nicht groß genug, um in diesen Studien als klinisch bedeutsam zu gelten.
N-Acetylcystein wurde in zwei klinischen Studien und einer randomisierten kontrollierten Studie untersucht. Die Schutzwirkung in der randomisierten Studie und in einer weiteren Studie war minimal.
Die zentrale Schlussfolgerung: Keiner der derzeit verfügbaren lokalen Wirkstoffe erreicht verlässlich das, was systemisches Natriumthiosulfat bei Kindern in puncto Sicherheit und Wirksamkeit bietet. Die Autoren weisen darauf hin, dass es in der Forschung noch keine klaren Antworten auf die optimale Dosis, die beste Verabreichungsmethode und den richtigen Zeitpunkt im Verhältnis zur Chemotherapie-Infusion gibt.
Was das für Menschen mit Hörverlust bedeutet
Für Familien, die gerade eine Krebsbehandlung im Kindesalter durchleben, ist diese Übersichtsarbeit eine vorsichtige, aber deutliche Erinnerung: Systemisches STS ist dort, wo es sicher eingesetzt werden kann, nach wie vor die stärkste verfügbare Option zum Schutz des Gehörs. Lokale Wirkstoffe können es noch nicht ersetzen, auch wenn intensiv geforscht wird und einige wenige Substanzen vielversprechend sind.
Die Übersichtsarbeit macht außerdem deutlich, wie viele Kinder ihre Krebserkrankung überleben, nur um als Spätfolge der Behandlung mit einem dauerhaften Hörverlust zu leben. Dieser Hörverlust betrifft meist die hohen Frequenzen – den Teil des Hörbereichs, der für das Verstehen von Konsonanten, das Heraushören von Sprache in lauten Räumen und das Folgen von Gesprächen mit mehreren Personen am wichtigsten ist.
Für Überlebende, die danach jahrzehntelang mit diesem Hörverlustmuster leben, werden audiologische Kontrollen und eine gut angepasste Hörverstärkung zu einem wichtigen Bestandteil der Langzeitversorgung.
Warum Hörverstärkung auf klinischem Niveau für erwachsene Überlebende einer Chemotherapie im Kindesalter wichtig ist
Viele Erwachsene, die als Kind eine Krebserkrankung überlebt haben, tragen ein Muster aus Innenohrschwerhörigkeit im Hochtonbereich ein Leben lang mit sich. Genau diese Art von Hörverlust, bei der leise Konsonanten verschwinden, während Vokale und Umgebungsgeräusche deutlich ankommen, ist das, wofür moderne Mehrkanal-Hörgeräte entwickelt wurden.
Panda Quantum ist ein 16-Kanal-RIC-Hörgerät (Ex-Hörer) mit aktiver Geräuschunterdrückung und Bluetooth-Verbindung für Telefonate, Musik und TV-Streaming. Es bietet mit dem Ladeetui eine Gesamtlaufzeit von bis zu 80 Stunden, 5 Jahre Garantie und ein Rückgaberecht von 45 Tagen. Panda Quantum wird mit der Panda App gekoppelt, die über das Gerät selbst einen frequenzspezifischen Hörtest durchführt und anschließend Verstärkung und Frequenzgang automatisch auf das Audiogramm der Nutzerin oder des Nutzers abstimmt – ähnlich wie ein Audiologe bei einer klinischen Anpassung.
OTC-Hörgeräte sind für Erwachsene mit leichtem bis mittelgradigem Hörverlust gedacht. Überlebende mit hochgradigem oder an Taubheit grenzendem Hörverlust oder mit zusätzlichen medizinischen Komplikationen profitieren weiterhin am meisten von einer klinischen Anpassung und einer fortlaufenden Betreuung durch einen Audiologen.
Grenzen dieser Studie
Wie jede systematische Übersichtsarbeit ist auch diese durch die Studien begrenzt, die sie zusammenfasst. Die klinische Literatur zu lokal angewendeten otoprotektiven Wirkstoffen ist schmal: Insgesamt gibt es nur acht Studien, und nur eine Handvoll davon ist randomisiert. Die vorhandenen Studien verwendeten unterschiedliche Messgrößen, unterschiedliche Cisplatin-Protokolle und unterschiedliche Altersgruppen, was direkte Vergleiche erschwert.
Finanzierungsquellen und Interessenkonflikte wurden im Abstract nicht im Einzelnen genannt. Wer die vollständige Veröffentlichung liest, sollte die dortigen Angaben zu Finanzierung und Interessenkonflikten beachten. Die Autoren selbst betonen, dass weitere Forschung zu Dosis, Verabreichungsmethode und Zeitpunkt nötig ist, bevor ein lokaler Wirkstoff als reif für den routinemäßigen klinischen Einsatz bei Kindern gelten kann.
Was bleibt
Das Fazit ist eindeutig: Systemisches Natriumthiosulfat bleibt der otoprotektive Wirkstoff mit der stärksten Evidenz für Kinder, die Cisplatin erhalten. Lokale Alternativen sind ein aktives Forschungsfeld, können es aber vorerst nicht ersetzen. Audiologische Kontrollen vor, während und nach der Chemotherapie bleiben unverzichtbar, und Überlebende, die einen dauerhaften Hörverlust entwickeln, sollten Zugang zu einer Hörverstärkung und Nachsorge erhalten, die zur Art ihrer Schädigung passen.
Masroor A, Streefkerk N, Van Grotel M, Geller JI, Ansari M, Bouffet E, Bleyer A, Fresneau B, Sullivan M, Knight K, Kogner P, Maibach R, O'Neill AF, Papadakis V, Rajput KM, Brock PR, Veal GJ, Hoetink AE, Huitema ADR, Van Den Heuvel-Eibrink MM. Local application of otoprotective compounds other than sodium thiosulfate to prevent cisplatin-induced hearing loss: a systematic review. Drug delivery. 2026;33(1):2665892. Abgerufen von PubMed. https://doi.org/10.1080/10717544.2026.2665892

