Koreanische klinische Studie: Klangtherapie per Smartphone verringerte die Tinnitusbelastung über sechs Monate
Eine sechsmonatige klinische Studie des Samsung Medical Center in Seoul ergab, dass eine Smartphone-App zur Klangtherapie die tinnitusbedingte Belastung und depressive Symptome deutlich verringerte, obwohl sich die wahrgenommene Lautstärke des Tinnitus selbst nicht veränderte.
Tinnitus – die Wahrnehmung von Klingeln, Summen oder Zischen ohne äußere Schallquelle – betrifft schätzungsweise 10 bis 15 Prozent der Erwachsenen weltweit. Für einen erheblichen Teil dieser Menschen ist er mehr als ein gelegentliches Ärgernis: Chronischer Tinnitus steht in Zusammenhang mit Schlafproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten, Angst und Depression und ist einer der häufigsten Gründe, warum Erwachsene eine Hörversorgung in Anspruch nehmen.
Die Klangtherapie, bei der äußere Geräusche den Kontrast zwischen Tinnitus und Stille verringern, ist seit Langem ein fester Bestandteil der Tinnitusbehandlung. Traditionell wird sie über klinikbasierte Programme oder spezielle Geräte angeboten. Eine neue Studie stellt eine praktische Frage: Funktioniert dasselbe Prinzip auch, wenn es über eine App auf dem Smartphone vermittelt wird, das die Menschen ohnehin bei sich tragen?
Titel: Effect of a Tinnitus Sound Therapy Application on Tinnitus Relief
Autoren: Ga-Young Kim, Mini Jo, Il Joon Moon
Institutionen: Hearing Research Laboratory, Samsung Medical Center, Seoul; Sungkyunkwan University School of Medicine; Department of Digital Health, SAIHST, Sungkyunkwan University, Korea
Fachzeitschrift: Yonsei Medical Journal, September 2026 (Vol. 67, No. 9)
Studientyp: Prospektive klinische Studie, sechsmonatige Nachbeobachtung
Quelle: PubMed, DOI: 10.3349/ymj.2025.0355
Hintergrund: Warum die Forschenden das untersucht haben
Für chronischen subjektiven Tinnitus gibt es keine allgemeingültige Heilung. Die klinische Versorgung konzentriert sich daher darauf, zu verringern, wie stark das Geräusch den Alltag beeinträchtigt. Die Klangtherapie ist einer der am weitesten verbreiteten Ansätze. Die Idee dahinter: Ein gleichmäßiger, angenehmer äußerer Klang gibt dem Gehirn etwas anderes zu verarbeiten, was mit der Zeit die Aufmerksamkeit und die emotionale Reaktion verringern kann, die der Tinnitus auslöst.
Das Problem ist der Zugang. Strukturierte Klangtherapieprogramme erfordern in der Regel wiederholte Klinikbesuche oder spezielle Geräte, was viele Menschen weder zeitlich noch finanziell bewältigen können. Smartphone-Apps könnten einen Großteil dieser Hürde beseitigen, doch die Belege dafür, ob eine per App vermittelte Klangtherapie validierte klinische Messgrößen tatsächlich verändert, sind bislang begrenzt.
Das Team des Samsung Medical Center konzipierte diese Studie, um eine Smartphone-App zur Klangtherapie über einen aussagekräftigen Zeitraum von sechs Monaten zu testen. Dabei kamen sowohl standardisierte Fragebögen als auch eine objektive physiologische Messmethode zum Einsatz: die Elektroenzephalografie (EEG), die die elektrische Aktivität des Gehirns über Sensoren auf der Kopfhaut aufzeichnet.
So wurde die Studie durchgeführt
Die Forschenden rekrutierten 121 Erwachsene mit chronischem subjektivem Tinnitus, von denen 72 das Protokoll abschlossen und in die endgültige Auswertung einbezogen wurden. Die Teilnehmenden waren im Durchschnitt etwa 53 Jahre alt und lebten im Schnitt seit rund vier bis fünf Jahren mit Tinnitus. Alle wurden angewiesen, sechs Monate lang eine Klangtherapie-App auf ihrem eigenen Smartphone zu nutzen.
Die Untersuchungen fanden zu Beginn, nach drei Monaten und nach sechs Monaten statt. Das Team erfasste die Tinnitusmerkmale mit einem Tinnitogramm, die Belastung mit dem Tinnitus Handicap Inventory (THI) – einem validierten Fragebogen, der bewertet, wie stark der Tinnitus den Alltag beeinträchtigt – und die Stimmung mit dem Beck Depression Inventory (BDI). Die Teilnehmenden bewerteten außerdem Lautstärke, Lästigkeit und Stress im Zusammenhang mit ihrem Tinnitus, und es wurden zweikanalige EEG-Aufzeichnungen durchgeführt, um Veränderungen der Gehirnaktivität in verschiedenen Frequenzbändern zu verfolgen.
Was die Forschenden herausgefunden haben
Im Verlauf der sechs Monate nahm die tinnitusbedingte Belastung deutlich ab. Die THI-Werte sanken mit einem p-Wert von 0.006, und auch die Depressionswerte im BDI gingen deutlich zurück (p = 0.002). Bei den alltäglichen Bewertungen nahmen sowohl die Lästigkeit im rechten Ohr als auch das allgemeine Stressniveau signifikant ab (jeweils p = 0.001).
Bemerkenswert ist, dass sich die Lautstärke des Tinnitus nicht veränderte. Weder der Lautstärkeabgleich im Tinnitogramm noch die eigenen Lautstärkebewertungen der Teilnehmenden zeigten eine signifikante Verbesserung. Anders gesagt: Das Geräusch blieb ungefähr gleich, störte die Menschen aber weniger.
Die EEG-Daten wiesen in dieselbe Richtung. Die Forschenden beobachteten signifikante Abnahmen der Theta-Aktivität (p = 0.004) und der Alpha-Aktivität (p = 0.015) sowie noch stärkere Rückgänge im mittleren Beta-, hohen Beta- und Gammaband (alle p-Werte unter 0.001). Die Gamma-Aktivität, die frühere Forschung mit der bewussten Wahrnehmung von Tinnitus in Verbindung gebracht hat, sank von 5.57 zu Beginn auf 4.56 nach sechs Monaten. Die Aktivität im niedrigen Betaband zeigte keine signifikante Veränderung.
Zusammengenommen deuten die Fragebogenergebnisse und die Messungen der Gehirnaktivität darauf hin, dass das App-basierte Programm veränderte, wie das Gehirn der Teilnehmenden auf den Tinnitus reagierte – und nicht das Tinnitussignal selbst.
Was das für Menschen mit Hörverlust bedeutet
Die ermutigendste Botschaft dieser Studie lautet: Die Belastung durch Tinnitus kann sich verbessern, selbst wenn die Lautstärke des Tinnitus gleich bleibt. Belastung, Schlafstörungen und gedrückte Stimmung sind die Aspekte des Tinnitus, die die Lebensqualität am stärksten beeinträchtigen – und sie scheinen sich durch konsequente, leicht zugängliche klangbasierte Unterstützung beeinflussen zu lassen.
Auch die Art der Vermittlung spielt eine Rolle. Ein Programm, das auf dem eigenen Smartphone läuft, beseitigt Hürden wie Anfahrtswege, Terminplanung und Ausstattung, die viele Menschen davon abhalten, eine Tinnitusbehandlung zu beginnen oder dabeizubleiben. Für die Millionen Erwachsenen, die sowohl Tinnitus als auch einen gewissen Hörverlust haben, bestätigt die Studie ein übergreifendes Thema der Hörforschung: Ein reichhaltigeres Klangumfeld im Alltag statt Stille lässt den Tinnitus mit der Zeit meist weniger aufdringlich wirken.
Was App-basierte Klangunterstützung über alltägliche Hörhilfen aussagt
Das Kernergebnis dieser Studie – dass ein gleichmäßiger, angenehmer Klang über Verbrauchertechnologie den Tinnitus weniger störend wirken lassen kann – ist für die vielen Menschen relevant, bei denen der Tinnitus mit einem Hörverlust einhergeht. Hörgeräte sind keine Behandlung oder Heilung für Tinnitus. Bei Menschen mit Hörverlust kann ein klarerer Alltagsklang den Tinnitus jedoch weniger auffällig machen, einfach weil das Gehirn mehr reale Geräusche hat, denen es sich zuwenden kann.
Neuere FDA-OTC-Hörgeräte machen diese Art von alltäglicher Klangunterstützung ohne Klinikbesuche zugänglich – im gleichen Geist der Selbstverwaltung wie das Smartphone-Programm dieser Studie. Das Panda Air ist ein Beispiel: ein FDA-OTC-Hörgerät im Earbud-Design mit 16-Kanal-Verarbeitung, adaptiver Mehrband-Geräuschunterdrückung und einem Schnellladeetui für 60 Stunden Nutzung. Eine optionale App kann über das Hörgerät selbst einen frequenzspezifischen Hörtest durchführen und den Klang an das Hörprofil des Nutzers anpassen. Deshalb werden Geräte dieser Kategorie manchmal auch als per App abgestimmte Hörgeräte oder selbstanpassbare OTC-Hörgeräte bezeichnet. Das Air funktioniert aber auch direkt nach dem Auspacken ohne App oder Test.
Ein Hinweis, der wiederholt werden sollte: OTC-Hörgeräte sind für Erwachsene mit wahrgenommenem leichtem bis mittelgradigem Hörverlust zugelassen. Wer einen hochgradigen Hörverlust, plötzliche Veränderungen des Hörvermögens oder Tinnitus nur auf einem Ohr hat, sollte mit einer klinischen Untersuchung beginnen. Details zum Air finden Sie unter pandahearing.com/products/panda-air.
Grenzen dieser Studie
Von den 121 rekrutierten Personen schlossen nur 72 das sechsmonatige Protokoll ab. Die Ergebnisse derjenigen, die ausschieden, sind unbekannt, was die Befunde zugunsten von Personen verzerren könnte, denen die App geholfen hat. Die Zusammenfassung beschreibt keine separate Vergleichsgruppe, sodass sich der Einfluss von Zeit, Erwartungen oder natürlichen Schwankungen des Tinnitus nicht von der Wirkung der App selbst trennen lässt.
Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass weitere Studien nötig sind, um Langzeitwirkungen und Übertragbarkeit zu bestätigen. Zudem verbesserten sich mehrere Messgrößen, darunter die Lautstärke, nicht. Die EEG-Befunde beruhen auf einem vereinfachten zweikanaligen Aufbau und nicht auf einer vollständigen Aufzeichnung in Laborqualität.
Was bleibt
Diese Studie ergänzt die wachsende Evidenz, dass leicht zugängliche, selbst gesteuerte Klangunterstützung die Belastung durch chronischen Tinnitus spürbar verringern kann, selbst wenn der Tinnitus selbst unverändert bleibt. Für Menschen, die unter Ohrgeräuschen leiden, lauten die praktischen Erkenntnisse: längere Stille vermeiden, strukturierte klangbasierte Hilfsmittel in Betracht ziehen und eine fachliche Untersuchung in Anspruch nehmen, wenn der Tinnitus neu ist, nur auf einer Seite auftritt oder mit Veränderungen des Hörvermögens einhergeht.
Kim GY, Jo M, Moon IJ. Effect of a Tinnitus Sound Therapy Application on Tinnitus Relief. Yonsei Medical Journal. 2026;67(9):698-705. Abgerufen über PubMed. https://doi.org/10.3349/ymj.2025.0355


