Handgeschicklichkeit sagt voraus, wie gut Menschen mit ihren Hörgeräten umgehen können
Eine französische Studie mit langjährigen Hörgeräteträgern (221) ergab, dass ein kurzer Fragebogen zu alltäglichen Handbewegungen vorhersagt, wie gut jemand sein Gerät tatsächlich bedienen kann. Es wird empfohlen, ihn zu nutzen, um von Anfang an die richtige Hardware auszuwählen.
Unbenutzte Hörgeräte in der Schublade gehören zu den peinlichsten Problemen in der Hörgeräteversorgung. Studien zur Nichtnutzung weisen auf Kosten, Klangqualität, Stigmatisierung und unrealistische Erwartungen hin. Eine Erklärung findet jedoch weit weniger Beachtung: Manche Menschen können das Gerät schlichtweg nicht bedienen. Das Wechseln einer linsengroßen Batterie, das korrekte Einsetzen des Ohrpassstücks oder das Öffnen des kleinen Ladeetuis erfordern Feinmotorik, die nicht jeder besitzt.
Das Problem ist, dass die Geschicklichkeit selten gemessen wird. Ein Arzt bemerkt vielleicht, dass die Hände eines Patienten zittern, vielleicht aber auch nicht. Eine neue Studie argumentiert, dass diese Beurteilung nicht dem bloßen Eindruck überlassen werden sollte, und untersucht, ob ein bestehender, validierter Fragebogen dies quantifizieren kann.
Über diese Studie
Titel: Zur standardisierten Beurteilung der manuellen Geschicklichkeit bei Hörgeräteträgern mithilfe des ABILHAND-Fragebogens
Autoren: Florine Liegeon, Stephane Gallego, Helena Rauber, Hung Thai-Van
Zugehörigkeiten: Institut Pasteur, AP-HP, Inserm, Fondation Pour l'Audition, Institut de l'Audition, IHU reConnect, Universite Paris Cite, Paris; Audition Conseil, Lyon; Abteilung für Audiologie und Neurotologie, Zivilkrankenhäuser von Lyon; Sonova France, Bron; Centre de Recherche en Psychologie et Neurosciences, UMR 7077, Aix-Marseille Université, CNRS, Marseille
Zeitschrift und Veröffentlichungsdatum: International Journal of Audiology, online veröffentlicht 5 August 2026
Studientyp: Querschnittsstudie, Teilnehmer: 221
PubMed DOI: 10.1080/14992027.2026.2710963
Hintergrund: Warum die Forscher dies untersuchten
Manuelle Geschicklichkeit ist die Fähigkeit, präzise Bewegungen mit Händen und Fingern auszuführen. Sie nimmt mit dem Alter aus natürlichen Gründen ab und verschlechtert sich schneller bei Arthritis, essentiellem Tremor, peripherer Neuropathie, Schlaganfall und Parkinson. Da altersbedingter Hörverlust und eingeschränkte Handfunktion sich über dieselben Jahrzehnte hinweg verstärken, müssen viele Hörgeräteträger mit beiden Problemen gleichzeitig zurechtkommen.
Das Design von Hörgeräten hat hier konkrete Auswirkungen. Die Geräte unterscheiden sich in ihrer Größe, darin, ob sie mit Einwegbatterien oder einem Akku betrieben werden, in der Größe der Akkus und darin, ob die Einstellungen über ein kleines Bedienelement oder eine Smartphone-App vorgenommen werden. Ein Gerät, das für eine Person gut in der Hand liegt, kann für eine andere Person mit identischem Hörvermögen unbrauchbar sein.
Der ABILHAND-Fragebogen ist bereits als validiertes Messinstrument für manuelle Fähigkeiten etabliert. Anstatt die Teilnehmenden in einer Klinik eine zeitlich begrenzte Steckbrettaufgabe durchführen zu lassen, fragt er, wie schwierig sie alltägliche, handbeanspruchende Tätigkeiten empfinden. Die Forschenden wollten herausfinden, ob diese Selbsteinschätzung mit den Beobachtungen von Hörgeräteakustikern hinsichtlich der Fähigkeit eines Patienten, ein Hörgerät zu bedienen, übereinstimmt und ob der Fragebogen so weit verkürzt werden kann, dass er routinemäßig eingesetzt werden kann.
Durchführung der Studie
Das Team rekrutierte 221 Erwachsene im Rahmen routinemäßiger Nachuntersuchungen. Alle Teilnehmenden trugen bereits seit mindestens einem Jahr Hörgeräte – eine wichtige Designentscheidung: Es handelte sich um erfahrene Nutzer, die die anfängliche Eingewöhnungsphase hinter sich gelassen hatten und nicht um Personen, die zum ersten Mal mit einem unbekannten Gerät zu tun hatten. Etwaige Schwierigkeiten im Umgang damit waren daher höchstwahrscheinlich nicht auf mangelnde Erfahrung zurückzuführen.
Jeder Teilnehmer füllte den ABILHAND-Fragebogen selbstständig aus und bewertete darin die Schwierigkeit alltäglicher manueller Tätigkeiten. Parallel dazu füllten 20 Hörgeräteakustiker einen zweiten Fragebogen aus, der die Fähigkeit derselben Patienten zur Bedienung ihrer Hörgeräte erfasste. Diese Trennung ist die Stärke der Studie: Die Selbsteinschätzung der Patienten und die Beurteilung durch die Fachkräfte wurden unabhängig voneinander erhoben, sodass eine Übereinstimmung zwischen ihnen aussagekräftig und nicht zirkulär ist.
Die Forscher verglichen anschließend die beiden Ergebnissätze und arbeiteten daran, den vollständigen Fragebogen so zu kürzen, dass er auch in einem kurzen Termin bearbeitet werden konnte.
Ergebnisse der Forschung
Die beiden unabhängigen Messinstrumente stimmten überein. Die ABILHAND-Werte korrelierten positiv mit den Einschätzungen der Hörgeräteakustiker. Das bedeutet, dass Personen, die angaben, Schwierigkeiten mit alltäglichen Handaufgaben zu haben, auch diejenigen waren, die von den Fachkräften als problematisch im Umgang mit ihren Hörgeräten eingestuft wurden. Die Angaben der Patienten selbst zur Funktionsweise ihrer Hände erwiesen sich als aufschlussreich für ein Problem, das Kliniker oft erst später entdecken.
Beide Versionen des Fragebogens korrelierten zudem negativ mit dem Alter. Dies entspricht den Erwartungen und dient als grundlegende Plausibilitätsprüfung des Messinstruments: Ältere Teilnehmer berichteten über eine geringere manuelle Geschicklichkeit.
Das praktische Ergebnis war ein verkürztes Instrument namens ABILHAND Light-7, das auf sieben Fragen reduziert wurde. Die Länge ist ein häufiger Grund für die geringe Nutzung von Screening-Instrumenten, und ein Fragebogen mit sieben Fragen ist kurz genug, um ihn im Wartezimmer auszufüllen. Die Autoren berichten, dass die Kurzversion vergleichbare Ergebnisse wie die vollständige Version lieferte.
Die Forscher gingen noch einen Schritt weiter und ermittelten Schwellenwerte für beide Versionen. Diese sollen konkrete Empfehlungen hinsichtlich des Hörgerätetyps, der Batteriegröße und des Ohrstücks für den jeweiligen Patienten ermöglichen. Dadurch wird der Fragebogen von einem deskriptiven Instrument zu einem Entscheidungsinstrument. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass beide Versionen für die Orientierung mit Prothesen wertvoll sind, da sie dabei helfen, Geräte, Batterien oder Ohrhörer zu identifizieren, die für einen bestimmten Patienten wahrscheinlich zu komplex sind.
Was das für Menschen mit Hörverlust bedeutet
Die wichtigste Erkenntnis ist: Schwierigkeiten bei der Bedienung eines Hörgeräts liegen an der Anpassung und nicht an persönlichen Fehlern. Wenn jemand nach einem Jahr täglicher Übung immer noch nicht mit einem Gerät zurechtkommt, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass es nicht optimal an seine Hände angepasst ist. Diese Studie liefert eine messbare Grundlage für diese Annahme.
Sie regt außerdem dazu an, sich vor jedem Kauf – ob im Fachhandel oder direkt – folgende Frage zu stellen: Wie werde ich das Hörgerät aufladen oder wechseln, und ist das auch an einem schlechten Tag zuverlässig möglich? Die Handfunktion ist individuell verschieden. Arthritis verschlimmert sich morgens und bei Kälte. Ein Gerät, das bei einer ruhigen Vorführung funktioniert, kann im Februar um 7 Uhr morgens versagen.
Für alle, die ohne professionelle Beratung einkaufen, betreffen die konkreten Auswirkungen die Hardware. Wiederaufladbare Geräte machen die Einwegbatterie überflüssig und eliminieren damit die aufwändigste wiederkehrende Aufgabe. Größere Geräte sind griffiger als sehr kleine. Und ein Gerät, das über ein Smartphone konfiguriert wird, beansprucht weniger Fingerkraft als eines, das direkt am Hörgerät bedient wird.
Wenn die Handhabung, nicht das Hören, die Hürde ist
Die entscheidende Erkenntnis ist, dass Batteriegröße und Gerätekomplexität auf die tatsächliche Handfunktion des Nutzers abgestimmt sein sollten, bevor weitere Entscheidungen getroffen werden. Dadurch ändert sich die Definition eines guten Geräts: Es geht nicht nur um den Klang, sondern auch darum, ob die tägliche Handhabung für den Nutzer frustfrei ist.
Das Panda Air wurde unter Berücksichtigung dieser Anforderung entwickelt. Es handelt sich um ein modernes Hörgerät im Ohrhörer-Stil, das größer und griffiger als ein herkömmliches Im-Ohr-Hörgerät ist. Es wird in einem Ladecase aufgeladen und benötigt keine Einwegbatterien. Dadurch entfällt der im Rahmen der Studie als schwierigste Aufgabe identifizierte Handgriff. Das Ladecase bietet eine Akkulaufzeit von ca. 60 Stunden und unterstützt Schnellladen. Die Handhabung beschränkt sich daher darauf, die Hörgeräte abends in das Case zu legen.
Die Einrichtung folgt derselben Logik. Air beinhaltet einen app-basierten Hörtest für das Ohr, der nach der Lieferung einen frequenzspezifischen Test direkt über das Gerät durchführt und Verstärkung sowie Frequenzgang entsprechend dem Audiogramm des Trägers programmiert, sodass die Abstimmung auf dem Handybildschirm und nicht über eine Steuerung am Gerät erfolgt. Unter den wiederaufladbaren Hörgeräten mit Ladeetui-Design verfügt es über eine 16-Kanal-WDRC-Verarbeitung, adaptive Geräuschreduzierung, eine 5-jährige Garantie und 45 Tage Rückgaberecht. OTC-Geräte sind für leichte bis moderate Hörverluste zugelassen, während starke oder hochgradige Verluste weiterhin am besten durch eine klinische Anpassung versorgt werden.
Einschränkungen dieser Studie
Dies ist eine Querschnittsstudie, d. h. sie erfasst einen einzelnen Zeitpunkt und verfolgt die Probanden nicht über einen längeren Zeitraum. Sie zeigt zwar eine Übereinstimmung zwischen den Ergebnissen der Geschicklichkeits- und der professionellen Beurteilung, belegt aber nicht, dass die Verwendung des Fragebogens zur Geräteauswahl die Tragedauer der Geräte tatsächlich verbessert. Dazu wäre eine Studie erforderlich, in der Patienten Geräte mit und ohne das Hilfsmittel erhalten und deren Nutzung anschließend erfasst wird. Eine solche Studie wurde bisher nicht durchgeführt.
Zwei weitere Einschränkungen sind zu beachten. Der als Vergleichsinstrument verwendete professionelle Fragebogen wurde von den Autoren als nicht standardisiert beschrieben, sodass der Vergleichsmaßstab selbst kein validiertes Instrument darstellt. Zudem ist in der Autorenliste eine Verbindung zu Sonova France, einem Hörgerätehersteller, sowie zu Audition Conseil, einer Hörgeräteakustikerkette, vermerkt. Dies schmälert die Aussagekraft der Arbeit nicht, und die Beteiligung der Industrie ist in diesem Bereich üblich, Leser sollten sich dessen aber bewusst sein. Die Stichprobe wurde in Frankreich unter bestehenden Nutzern rekrutiert, daher sind die Ergebnisse möglicherweise nicht direkt auf andere Gesundheitssysteme oder Erstkäufer übertragbar.
Was bedeutet das für uns?
Die Hörgeräteversorgung beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, warum Menschen ihre Hörgeräte nicht mehr tragen. Diese Studie liefert überzeugende Argumente dafür, dass ein Teil der Antwort auf der Hand liegt. Ob ein Fragebogen mit sieben Fragen Eingang in die Routinepraxis findet, bleibt abzuwarten. Der Kernpunkt ist jedoch unabhängig vom verwendeten Instrument: Wenn Sie ein Hörgerät auswählen, ob für sich selbst oder für Ihre Eltern, fragen Sie zuerst nach der täglichen Handhabung. Ein Gerät, das nicht bedient werden kann, wird nicht getragen, egal wie gut es funktioniert.
Liegeon F, Gallego S, Rauber H, Thai-Van H. Towards a standardized assessment of manual dexterity in hearing aid users using the ABILHAND questionnaire. International Journal of Audiology. 2026. Abgerufen von PubMed. https://doi.org/10.1080/14992027.2026.2710963


